Der Krieg ist erklärt

»Abendblatt! Abendblatt! Abendblatt!
Italien! Österreich! Deutschland!«
Über den schwarz schraffierten Platz
in purpurnen Strömen floss das Blut lang.

Die Fresse schlug das Kaffeehaus ein
mit wildem Geschrei voller Zorn:
»Vergiftet mit Blut den Falschspieler Rhein!
Zerdonnert mit Kugeln den Marmor von Rom!«

Vom Himmel, den spitz Bajonette zerfetzten,
Sterne Tränen streuten, wie Mehl durch ein Sieb,
zerquetscht quiekte Mitleid zwischen Stiefelschäften:
»Ach lasst das doch, lasst das doch, bitte!«

Auf glatter Säule die bronzenen Generäle baten:
»Schlagt uns ab, wir wolln in den Krieg!«
Die Kavallerie zum Abschied mit Küssen schmatzte,
das Fußvolk strebte voll Mordlust – zum Sieg.

Raumgreifende Großstadt hat's Traumbild gesehn,
mit lachendem Bass sprachen laut die Geschütze,
vom Westen her fiel ein tiefroter Schnee,
der hunderte Stücke von Menschenfleisch spritzte.

Auf den Platz quillt schwellend Rotte um Rotte,
vor Zornglut die schwellenden Adern zischen:
»Lasst uns an der Seide der wiener Kokotten
auf den Boulevards die Säbel trockenwischen.«

Zeitungsjungen brüllten: »Kauft's Abendblatt!
Italien! Österreich! Deutschland!«
Aus der Schraffur metallschwarzer Nacht
purpurnes Blut in Strömen hervordrang.

20. Juli 1914

Vladimir Majakovskij
(1893 – 1930

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